Dossier
„… In der Klimaforschung ist ein Kipppunkt ein Moment, an dem – laut Weltklimarat – „eine kritische Grenze“ erreicht wird, „jenseits derer sich ein System umorganisiert“, neue Prozesse sich verfestigen und negative Dynamiken sich beschleunigen. Dies lässt sich auch auf gesellschaftliche Kipppunkte übertragen. Kipppunkte entstehen nicht zufällig, sie sind das Ergebnis länger zurückliegender destruktiver Prozesse. Doch im Gegensatz zum Klima sind gesellschaftliche Prozesse nie unumkehrbar. Allerdings sind etablierte Diskurse, Strukturen und Normen oft nicht rückgängig zu machen. Sind autoritäre Kipppunkte überschritten, wird der Boden brüchig, auf dem plurale und demokratische Gesellschaften stehen…“
Kommentar von Daniel Mullis, Maximilian Pichl und Vanessa E. Thompson vom 16. Juni 2023 in der taz online
, siehe mehr daraus und dazu:
[Buch: »Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus«] Lehrjahre der Unmenschlichkeit: Faschismus als Prozess der Verrohung
„
Seit dreißig Jahren, in manchen Nationen sogar schon länger, erleben wir einen Aufstieg des rechten Populismus. Ultrarechte Parteien werden nicht nur stärker, viele radikalisieren sich auch nach und nach – oder sogar rasend schnell. Und eine entscheidende Rolle spielt dabei ein Kult der Härte, der die schräge Allianz aus Neuem Faschismus und Ultraliberalen fest zusammenhält.
Konnte man vor einigen Jahren noch vom aufkommenden »Rechtspopulismus« sprechen, wäre das heute in vielen Fällen eine Verharmlosung. Rechtsextremismus oder Neuer Faschismus trifft es da schon weit besser, bedenkt man, dass sich faschistische Bewegungen durch eine Reihe von Eigenschaften auszeichnen: Führerkult, paranoide Weltbilder, die permanent geschürt werden, ein Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde. (…)
Faschismus ist, so gesehen, eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie alle sind ansteckend – und diese Ansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt kreuz und quer. Wie bei Synapsenverschaltungen werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benutzt werden. Emotionen, Tonfall und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus.
Der Faschismus ist demnach weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess. Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle zirkulieren wie ein Echo, das lauter zurückkehrt, als es ausgesendet wurde. Bis der Fanatiker am Ende als normal erscheint und der Normale als verdächtig.
Das trifft alles auf Parteien wie die MAGA-Bewegung der US-Republikaner zu, genauso auf die Alternative für Deutschland oder die Freiheitliche Partei in Österreich. Sie alle haben sich in den vergangenen Jahren in einem Prozess der Selbstradikalisierung markant verwandelt. Gewiss, Rechtspopulismus ist nicht dasselbe wie Faschismus, aber die Übergänge sind fließend. Wer als Rechtspopulist begann, kann als Faschist enden.
Und es geschah und geschieht dabei auch etwas Eigentümliches, das bis heute erst in Ansätzen verstanden wird: Die Radikalisierung der einen Partei wirkte als Aufschaukelung und Vorbildeffekt auf die anderen zurück. Das Resultat ist die Radikalisierung aller in einem längst globalen Resonanzraum. Simpel gesagt: Ohne Trump wäre die AfD wahrscheinlich gemäßigter, die FPÖ wäre ohne die AfD weniger radikal – und umgekehrt. (…)
Das ist das Neue an den neuen Rechtsradikalen: Sie können das Weiße Haus erobern, das mächtigste Amt der Welt, sie können beide Parlamentskammern kontrollieren, das höchste Gericht mehrheitlich mit Loyalisten besetzen und das Silicon Valley auf ihrer Seite haben – und betrachten sich noch immer als Widerstandskämpfer gegen eine »linke Hegemonie«. Dafür müssen sie nur Wohlerzogenheit, Respekt und die allgemein anerkannte Sittlichkeit als »links« ansehen. Der Spott über Behinderte wird dann geradezu zur gegenkulturellen Provokation. (…)
Der Rechtsradikale posiert als Widerstandskämpfer gegen den Mainstream – sogar dann, wenn er im mächtigsten Amt sitzt, das es in der Welt zu ergattern gibt. Der Rechtsradikale fühlt sich chronisch unterdrückt – meist durch die Tatsache, dass auch Menschen mit anderen Ansichten existieren – und zugleich mit einer höheren Macht im Bunde. (…)
Während sich die USA daranmachen, allmählich und rasant eine …