Dossier
Etwa 500 Flüchtlingen aus dem subsaharischen Afrika gelang es in der letzten Woche, die europäische Mauer in der spanischen Exklave (sprich: Kolonialbesitzung in Afrika) Ceuta zu überwinden. Der kurze
Videofilm „Cientos de subsaharianos entran en Ceuta“, am 16. Februar 2017 von Faro TV auf You Tube
gepostet, zeigt ihre Ankuft, und – nicht zuletzt – die Freude über die gelungene Überwindung und über das Wiedersehen mit Freunden oder Familienangehörigen. Das ist der Unterschied zwischen EU und Trump. Der will an der Grenze eine Mauer bauen, die EU baut Festungsmauern gleich „im Feindesland“… Siehe Hintergründe und weitere „Stürmungen“:
Koloniale Ordnung auf Ceuta („Tomaten dürfen reisen, Arbeiter nicht“) wiederhergestellt – bis zu 5.000 Zurückgebliebene in prekärer Lage zwischen hilfsbereiter lokaler Bevölkerung und der Polizei
Koloniale Ordnung: Tomaten dürfen reisen, Arbeiter nicht. Ceuta ist kein spanischer Betriebsunfall, sondern Folge europäischer Arbeitsteilung.
„
Marokko produziert für Europa, doch selbst Beschäftigte dieser Vorzeigeökonomie wollen fort. Ihre Flucht verweist auf eine asymmetrische Ordnung, die Europa mitgeschaffen hat.
Als Ende Juli 2026 mehr als 50.000 Menschen aus Marokko die Grenze zur spanischen Enklave Ceuta überquerten, dominierte in den europäischen Schlagzeilen das Vokabular einer Belagerung: „Ansturm“, „Invasion“, Kontrollverlust. Die Kameras zeigten durchbrochene Zäune. Nur selten zeigten sie die Gesellschaft, aus der Hafenarbeiter, Hotelangestellte und Handwerker aufbrachen. Mindestens 72 Menschen verloren im Gedränge oder im Meer ihr Leben.
Es handelte sich um eine marokkanische Grenzkrise und nicht um eine aus dem Sahel heranrollende afrikanische Invasion. Interviews mit Arbeitern aus Fès oder vom Hafen Tanger Med widersprechen dem bequemen europäischen Bild, wonach sich nur völlig verarmte Menschen auf den Weg machen. Viele von ihnen hatten Arbeit. Was ihnen fehlte, war die Aussicht, sich mit dieser Arbeit ein eigenes Leben aufbauen zu können.
Hinter der Grenze zerfiel selbst diese Hoffnung rasch. Von Ceuta führte kein Weg auf das spanische Festland. Stattdessen verknappten die spanischen Behörden gezielt Lebensmittel und Infrastruktur. Diese Zermürbungstaktik erinnert in ihrer Logik auf fatale Weise an Instrumente wie die deutsche Bezahlkarte für Asylbewerber. Die von Madrid gelobte freiwillige Rückkehr Zehntausender Menschen wurde damit zu einer Rückkehr unter Zwang. (…)
Marokko exportiert längst mehr als Tomaten und Phosphate. Das Land hat sich in anspruchsvollere Produktionsketten vorgearbeitet. Im Jahr 2025 entfiel gut die Hälfte der EU-Importe aus Marokko auf Maschinen und Transportausrüstung.
Doch diese Modernisierung erzeugt Wachstum ohne gesellschaftliche Entwicklung und eröffnet nur geringe Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg. Während die erwerbsfähige Bevölkerung rasant wächst, fehlt es in großem Umfang an Arbeitsplätzen, die ein existenzsicherndes Einkommen bieten. Das lukrative Ende der Wertschöpfungsketten kontrollieren ausländische Konzerne. Zugleich konzentrieren sich die im Land verbleibenden Erträge in Netzwerken, die dem Königspalast nahestehen.
Das entlastet Europa keineswegs von seiner Verantwortung. Das kolonial geprägte Wirtschaftssystem richtete die Infrastruktur Marokkos vor allem auf die Bedürfnisse der europäischen Zentren aus. Die Monarchie übernahm diese Außenorientierung und passte sie den Erfordernissen der eigenen Herrschaftssicherung an. Europas wirtschaftliche Strukturmacht und die innere Machtordnung Rabats greifen dabei nahtlos ineinander. (…)
Der massive Export von Tomaten bedeutet in einem von Dürre geplagten Land faktisch auch den Export von Millionen Litern sogenannten virtuellen Wassers. Gemeint ist das Wasser, das für den Anbau und die Herstellung der exportierten Produkte benötigt wird. Die ökologischen und sozialen Folgen tragen vor allem kleine Bauern und die Menschen in den Binnenregionen.
Gleichzeitig konkurrieren diese Produzenten mit einer europäischen Agrarwirtschaft, die durch Subventionen in Milliardenhöhe staatlich abgesichert wird. Der marokkanische „Kostenvorteil“ beruht daher zu einem erheblichen Teil auf niedrigen Löhnen und der übermäßigen Nutzung natürlicher Ressourcen.
Ähnlich asymmetrisch funktioniert die Tourismusindustrie. Der europäische Urlauber landet in Agadir und wird als umworbener Gast empfangen. Der marokkanische Kellner, dessen Lohn nicht ausreicht, um seine Familie zu …