Sie werden kommen, der Tag ist nicht fern

Aus den verwahrlosten Städten

Und reißen uns nachts, in London und Bern

Aus den Schlaraffiabetten.

Wir werden erwachen, wie immer zu spät,

Wenn sie in der Türfüllung stehen,

Um erbleichend das schärfste Küchengerät

In ihren Händen zu sehen.

Europas Armee an der Küste hält stand,

Verteidigt die Reiche der Reichen,

Bis zu den Augen im Dünensand,

Bis zu den Bergen aus Leichen.

Noch haben Europas Armeen nicht geschossen. Aber was an den letzten Tagen des Juli 2026 in der spanischen Exklave Ceuta an der Nordspitze Marokkos vor sich ging, kommt diesem dystopischen Szenario aus dem Lied „Sie werden kommen“, das der linke Musiker Hans-Eckardt Wenzel und der Autor Steffen Mensching (beide stammen aus DDR) bereits im Jahr 1990 verfasst haben, schon sehr nahe. Schwer bewaffnete Soldaten am Strand und „Berge aus Leichen“ – soweit sind wir immerhin schon!

Schätzungsweise mehr als 100 Menschen sind ertrunken, als in den letzten Tagen des Juli 2026 zehntausende Verzweifelte versuchten, die knapp sechs Kilometer lange Strecke von Marokko nach Ceuta schwimmend zu überwinden, um die mit hohen Zäunen, Stacheldraht und Sensoren gesicherte Grenze auf dem Festland zu umgehen. Es waren vor allem junge Männer, aber auch Frauen und Kinder. Sie alle riskierten ihr Leben, um Not und Elend in Marokko und anderen Ländern Afrikas zu entkommen und ihren Traum von Europa wahrzumachen, von einem menschenwürdigen Leben.

In den EU-Staaten brach umgehend Hysterie aus, aber nicht etwa wegen der schockierend hohen Zahl von ertrunkenen Geflüchteten. Die politische Klasse in den europäischen Metropolen rastete angesichts der Nachrichten und Bilder aus Ceuta aus – als wäre der Tag gekommen, den Wenzel und Mensching vor fast vier Jahrzehnten prophezeit hatten, der Tag, an dem die Armen und Ausgebeuteten nicht mehr bitten und betteln, sondern sich den ihnen zustehenden Teil gewaltsam nehmen, wie es in dem Lied heißt:

Sie weisen uns stumm, die Rechnungen vor

Für die Zeche, um die wir sie prellten

Und schlafen vor unserm Garagentor

In Deckenburgen und Zelten.

Den Stuhl für sie vor die Türe gestellt,

Den werden sie grinsend zerschlagen.

Sie holen sich endlich das Brot für die Welt

Ohne zu bitten, zu fragen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geiferte: „Die Bilder aus Ceuta sind inakzeptabel.“ Man könne nicht zulassen, dass „jemand in die EU kommt, ohne sich an unsere Regeln zu halten“. Die „gefährlichen Grenzübertritte“ müssten „unverzüglich“ aufhören. Italiens protofaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sprach von „schockierenden“ Bildern, tönte: „Italien wird nicht tatenlos zusehen“ und forderte Spaniens Ausschluss aus dem Schengen-System. Der rechte tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš schloss sich der Forderung an, beklagte die „skandalöse“ Migrationspolitik Madrids.

Dazu hier ein kleiner Exkurs: In den vergangenen Tage wurde eine These debattiert, die einer gewissen Plausibilität nicht entbehrt. Diese besagt, dass ein geopolitisches Bündnis aus den USA, Israel und Marokko die spontane Wanderung der Migranten auf die Ceuta inszeniert oder gesteuert habe. Ziel wäre demnach, die linke, israelfeindliche Regierung und die EU zu spalten. Die deutschen Konzernmedien und öffentlich-rechtlichen Sender verdammten diese These postwendend als Verschwörungstheorie. Und den ARD-Journalisten Georg Restle traf der Bannstrahl der versammelten Presse, weil er einen Post geteilt hatte, in dem diese Theorie vertreten wurde.

Aber über die möglichen Auslöser der spontanen Wanderungsbewegung soll es in diesem Beitrag nicht gehen, sondern um das, was sie im In- und Ausland ausgelöst haben. Also weiter im Text:

Der CSU-Mann Manfred Weber, Chef der Konservativen im EU-Parlament, verlangte, Spanien müsse „umgehend für Ordnung sorgen“. Die Grenzschutzorganisation Frontex müsse „vor Ort das Kommando übernehmen“, sollte Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez „nicht in der Lage sein, die Lage zu kontrollieren“. Frankreich verschärft seine Grenzkontrollen zu Spanien. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte Spanien Unterstützung zu.

Litauens Außenminister Kęstutis Budrys nannte die Lage in Ceuta einen „Weckruf für Europa“, schrieb in den sozialen Medien: „Europas Sicherheit beginnt an seinen Außengrenzen.“ Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk forderte, die Grenze von Ceuta militärisch zu sichern und die Asylverfahren zu verschärfen. Madrid solle sich am polnischen …