Seit Anfang 2024 treffen zivile Rettungsschiffe (und auch Handelsschiffe) im zentralen Mittelmeer vermehrt auf Boote mit Menschen auf der Flucht, die besondere Merkmale aufweisen und Crews vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Die Boote sind in vergleichsweise besserem Zustand als jene, die wir überwiegend antreffen und aus Seenot bergen. An Bord befinden sich eine oder mehrere Personen, die nach einer Rettungsaktion auf dem Boot bleiben und wegfahren – vermutlich in Richtung Libyen. Diese Personen sind häufig maskiert und zum Teil bewaffnet. In einzelnen Fällen steuern die Boote gezielt auf unsere Schiffe zu.
Was bedeutet das konkret für zivile Seenotrettungscrews?
Für unsere Crew ist nicht immer sofort erkennbar, um welche Art von Boot es sich handelt oder wer sich an Bord befindet. Bei näherer Betrachtung zeigt sich häufig eine akute Seenotlage: Die Boote sind stark überfüllt, nicht selten befinden sich weitere Personen in engen und kaum belüfteten Bereichen unter Deck. Oft fehlen Rettungsausrüstung, ausreichend Treibstoff, Trinkwasser oder Navigationsmittel. Zudem befinden sich regelmäßig Kinder sowie Personen an Bord, die medizinische Hilfe benötigen – etwa Schwangere, Verletzte oder Bewusstlose. Nach internationalem Seerecht handelt es sich in solchen Fällen um Seenotfälle, aus denen sich eine unmittelbare Pflicht zur Rettung ergibt.
Die Anwesenheit vermummter und teilweise bewaffneter Akteure macht die Einsätze zusätzlich gefährlich. Es kam bereits vor, dass Menschen unter Androhung oder Anwendung von (Waffen-)Gewalt ins Wasser gezwungen wurden. In einzelnen Fällen wurden Rettungsschiffe geentert. Für die Besatzungen entstehen dadurch unübersichtliche und gefährliche Einsatzlagen: Die Rettung von Menschen aus kleinen Booten auf ein deutlich größeres Schiff zählt auch ohne zusätzliche Gefahren zu den riskantesten Manövern der Seenotrettung. Wenn einzelne Personen an Bord bewaffnet sind, Menschen aus dem Wasser gerettet werden müssen oder Akteure aggressiv auftreten, steigt das Risiko für alle Beteiligten – sowohl für die Menschen in Seenot als auch für die Besatzungen der Rettungsschiffe. Für zivile Seenotrettungsorganisationen ist daher ein deeskalierendes Verhalten entscheidend. Die Sicherheit sowohl der Menschen auf der Flucht als auch der Crewmitglieder hat oberste Priorität.
Wer sind die “unbekannten Akteure”?
Sea-Watch hat keine Informationen darüber.
Begegnungen beschränken sich auf die unmittelbare Rettungssituation. Die Aufgabe der Crews besteht darin, Leben zu retten. Ermittlungen zur Identität oder zum Verbleib dieser Personen können in einer akuten und gefährlichen Einsatzlage weder geleistet werden, noch sind sie Aufgabe ziviler Rettungsorganisationen.
Für die Pflicht zu Retten ist diese Frage zudem nicht entscheidend: Nach internationalem Recht sind Seenotrettungsorganisationen verpflichtet, alle Menschen in Seenot zu retten – unabhängig ihrer Identität oder den Gründen, warum sie sich in einer Seenotlage befinden oder wer das Boot gesteuert hat. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass sich unter den Geretteten oder den auf einem Boot verbliebenen Personen befinden, die vermeintlich die Überfahrt organisiert haben, ändert dies nichts an der Pflicht zu retten.
Werden die Behörden informiert?
Ja. Sea-Watch arbeitet bei jeder Rettung transparent mit den zuständigen Seenotrettungsleitstellen und Behörden zusammen. Auch wenn einzelne Personen an Bord bleiben, wird dies mitgeteilt. Der gesamte Ablauf wird unmittelbar dokumentiert und unter anderem in Form eines Situation Reports (SITREP) an die zuständigen Stellen übermittelt. Nach der Ankunft im Hafen werden alle relevanten Informationen erneut an die Behörden weitergegeben. Der Flaggenstaat und die relevanten Anrainerstaaten werden über jeden Schritt eines Einsatzes unmittelbar in Kenntnis gesetzt und sind somit mit allen Dynamiken im zentralen Mittelmeer vertraut – abgesehen davon, dass das Mittelmeer ohnehin flächendeckend mittels Drohnen und Flugzeugen von europäischen Staaten überwacht wird.
Können Personen an Bord dieser Boote wissen, wo sich die Sea-Watch 5 befindet?
Größere Schiffe sind nach internationalen Sicherheitsvorschriften verpflichtet, ein automatisches Identifikationssystem (AIS) zu betreiben. Diese Daten sind öffentlich zugänglich. Die Position der Sea-Watch 5 kann daher – wie die anderer größerer Schiffe – jederzeit über öffentlich verfügbare AIS-Dienste eingesehen werden.
Wie oft und warum kommt es zu diesem …