Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, sagt man. Woran sich aber diese Schönheit bemessen lässt? Ist sie nicht gerade Ausdruck der Vielfalt des Erlebten, die Durchdringung der einzelnen Momente und die daraus hervorschäumende Flut von Gefühlen? So zumindest wäre wahrscheinlich die Antwort eines gewissen Jakow Michailowitsch auf die Frage ausgefallen.

Vor wenigen Jahren noch war mir selbst der Name „Swerdlow“ überhaupt kein Begriff. Dabei hatte ich durchaus großes Interesse an den Geschehnissen rund um die Oktoberrevolution 1917 in Russland. Viel wichtiger schien es mir jedoch aus dem ideologischen Wirrwarr unserer Tage mit der Lektüre theoretischer Klassiker zu entkommen und damit zunächst mein politisches Koordinatensystem zu ordnen. Erst die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es überhaupt zu diesem geschichtlichen Sprung kommen konnte, legte mir den Namen Swerdlow ins Bewusstsein. Von da an begab ich mich auf die Suche nach der Geschichte eines der größten Revolutionäre, welchen die letzten Jahrhunderte und die Mühlräder welthistorischer Entwicklung hervorgebracht hatten. Nun begab es sich aber so, dass man vor ein paar Jahren lange suchen konnte, um auf deutschsprachige Aufzeichnungen von und über Swerdlow zu stoßen. Nur wenige Bücher, Hinterlassenschaften aus ostdeutschen Bücherschränken, zirkulierten von Hand zu Hand. Wer nicht gewillt war, eine Vielzahl Antiquariate auf dem Gebiet der ehemaligen DDR abzutelefonieren, wäre verdammt gewesen, lange zu warten, hätte nicht der Ceylan Verlag 2024 das Buch, in dem Jakows Lebensgefährtin, Klawdija Swerdlowa, ihre Erinnerungen niederschrieb, neu verlegt.

Erinnerungen an einen Kampfgefährten Lenins

Wenn wir uns das Leben von Jakow Michailowitsch Swerdlow vor Augen führen, so wie es im Buch geschildert wird, dann sehen wir das Lebenswerk eines Revolutionärs, dem es zwar nicht vergönnt war, besonders alt zu werden, der dafür in jeder Sekunde alle Menschen, die ihn umgeben haben, mitgerissen und das Beste in ihnen erweckt hat. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel „Erinnerungen an einen Kampfgefährten Lenins“. Dieser sagte selbst über Swerdlow: „ Durch illegale Zirkel, durch illegale revolutionäre Arbeit, durch die illegale Partei, die niemand so vollkommen verkörperte und repräsentierte wie J.M. Swerdlow – nur durch diese praktische Schule, nur auf diesem Wege konnte er der höchste Repräsentant der ersten sozialistischen Sowjetrepublik, der beste Organisator der breiten proletarischen Massen werden .“ Und so wurde Jakow im Zuge der revolutionären Umwälzungen mit gerade einmal 26 Jahren jüngstes Mitglied des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiter Partei Russlands und mit 32 Vorsitzender des Gesamtrussischen-Zentralexekutivkomitees. Doch dahin war es ein weiter Weg, der Jakows Charakter zu Härte schmiedete aber ihm genauso dort eine Flexibilität verlieh, wo es vonnöten war. Während ein beachtlicher Teil der Bolschewist:innen im Zuge der Revolution von 1905 dazu verdammt war, ins Exil zu gehen, so verblieb Jakow Michailowitsch bis zur Verwirklichung der Oktoberrevolution in Russland. Dutzende Male wurde er von der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, festgenommen, in den Kerker gesteckt, in die entlegensten Winkel, umgeben von endloser Taiga und Tundra verbracht und vermochte es doch unter diesen Bedingungen zu einem der wichtigsten Köpfe der Bolschewiki zu werden. 1885 in der Stadt Nischni-Nowgorod geboren, bei der sich die Oka mit der Wolga vereint, führte Jakows Weg bereits im jungen Alter in die Reihen der Sozialdemokratie, deren Organisation im zaristischen Russland mit den harten Bedingungen der Illegalität zu kämpfen hatte. Kein Geringerer als Maxim Gorki ging bei der Familie Swerdlow ein und aus. Aus Geschichten wie der des jungen Jakows nahm Gorki den Stoff, den er später in seinem berühmten Werk „Die Mutter“ zu einer Erzählung in der Person des jungen Pawel verdichtete. Jakow bahnte sich wie jener Pawel seinen Weg in die Ströme der revolutionären Bewegung selbstständig: Schnell wurden die älteren Genoss:innen des Parteizirkels in Nischni-Nowgorod auf den Jungen aufmerksam, der nicht nur die Jugendlichen um sich herum in die revolutionäre Arbeit mit hineinzog, sondern auch damit begann, sich ein umfassendes Verständnis für die philosophisch-politischen Probleme seiner Zeit zu erarbeiten. Seine Tätigkeit führte ihn, noch nicht einmal 20 Jahre alt, in die Weiten des Urals. In den Gegenden von Jekaterinburg und Perm spielte er eine …