Kritik der Linken und des Anarchismus in Leipzig oder: Leipzig in Trümmern

Erklärung des Anarchistischen Bundes Leipzig zur Lage des Anarchismus in unserer Stadt und unserer Kritik daran. Wir sind unter unserer E-Mail erreichbar anarchistischerbund[at]inventati[dot]org

Weiter Infos gibts auf unserer Website: anarchistischerbund[dot]noblogs[dot]org

Kleine Vorbemerkung:

Wir haben uns entschlossen eine politische Gruppe zu gründen, da wir die jetzige Lage der anarchistischen Bewegung in Leipzig beschissen finden. Wir haben viele Probleme erkannt und uns zusammengesetzt, diskutiert und uns verbündet, diese anzugehen.

Wir haben unsere Kritik in diesem Text ausformuliert. Kommende Texte werden Lösungsansätze und Gegenmodelle vorschlagen. Wir fordern euch auf, lest genau, macht euch eigene Gedanken und kritisiert uns. Wenn euch unsere Kritik sauer aufstößt, dann schreibt doch eine Antwort.

Leipzig ist eine Stadt voller Linker, doch passiert hier relativ wenig. Eine anarchistische Bewegung zeigt sich kaum. Grundlegend wird sich viel über Leipzig und die Linke im Ganzen beschwert, aber sonst passiert rein gar nichts. Wir möchten vor allem eine praktische Kritik an den Methoden der Bewegung und an ihrer Ausrichtung üben. Alles ist scheiße, das wissen wir auch, konkrete Kritik ist aber sinnvoller als Trübsal blasen.

Die Kritik ist durchaus ziemlich heftig, aber sie ist angebracht. Wir leben in Zeiten, die uns jederzeit überrollen können, wir finden es also unpassend unsere Kritik hinter schönen Worten zu verstecken. Wir hoffen, dass wir damit zumindest ein paar Menschen aufrütteln können oder eine Debatte anfeuern können. Zuletzt wollen wir anmerken, dass wir viel Zeit und Mühe investiert haben, unsere Kritik zu Papier zu bringen, wir schätzen die anarchistische Bewegung sehr, genau deshalb kritisieren wir.

Endstation BRD

Der Rückzug ins Private und in die Szene von radikal-linken Zusammenhängen, ist in Deutschland seit dem Ende ihrer Hochphase 70er und 80er Jahren zu beobachten. Zwischen 1968 und 1989 hatte die radikale Linke dort ihren Höhepunkt erreicht und hat die Grundlagen für die jetzige Westdeutsche Szene gelegt und somit auch die Ostdeutsche radikale Bewegung grundlegend geprägt. Im Zuge des neoliberalen Umbruchs und dem endgültigen Verrat der sozialistischen Elite am Kommunismus zog sich die radikale Linke zunehmend ins Private und Subkulturelle zurück.

Heute gibt es deswegen viele ältere Jahrgänge, die mit anarchistischen, kommunistischen und anti-autoritären Werten viele positive Erinnerungen verbinden, aber diese alten Genoss*innen haben sich meist vollständig von der radikalen Jugendbewegung abgewandt. Viele Boomer haben ihre Schäfchen ins Trockene geholt und es sich in der Mittelschicht bequem gemacht und trotz der voranschreitenden neo-liberalen Verelendung, gehen jetzt auch jüngere Jahrgänge diesen Weg ins Spießertum und in die vereinzelte Kernfamilie.

Connewitz

In Connewitz hat sich ein ähnlicher Prozess vollzogen: Nach der Wende lag Leipzig in Trümmern, die Stadt wurde ausverkauft und leerte sich zunehmend. Überall standen Häuser leer. Nazis (Reudnitzer Rechte) zogen durch die Straßen und verbreiteten Angst. Nur in Connewitz sammelten sich Linke und begannen Widerstand zu organisieren, es gab Hausbesetzungen und Straßenschlachten.

Die Kämpfe wurden vor allem um die Stockhardtstraße geführt, die Nazis griffen hier regelmäßig an und die Bewohner*innen mussten sich mit allen Mitteln wehren. Über die Jahre veränderte sich Leipzig, wurde ab den 2000ern zunehmend gentrifiziert. Immer mehr Leute aus dem Westen zogen nach Leipzig, in den „wilden Osten“. Die Nazigegend Reudnitz verwandelte sich in eine linke Gegend, genauso die Eisi – obwohl hier die Ausländer*innen die Faschos vertrieben – die Nazis wurden an den Stadtrand verdrängt.

Diese Gentrifizierung wurde versehentlich durch die gesellschaftliche Linke angestoßen und dann von Immobilienunternehmern knallhart ausgenützt. Connewitz, einst ein Kiez der Unterschicht, ist heutzutage ein gutbürgerliches Viertel mit subkulturellem Charme, wo Ökomuttis ihre Brut mit dem Lastenrad zum Kindergarten fahren. Sesshaft gewordene Altpunks und teuer bekleidete Goths geben sich hier die Klinke in die Hand, kurzgesagt: Liberal, Mittelklasse, Spießertum.

Die Eigenwahrnehmung der Connewitzer ist aber noch in den 90ern stecken geblieben, als man tatsächlich noch einen Widerständigen Kiez hatte. Jetzt sind viele Orte nur noch Altersheime für die …